Start Projekte Unterrichtsbegleitend Familie gründen, Australien entdecken oder Informatik studieren? - Abitur 2007. Und dann?
Familie gründen, Australien entdecken oder Informatik studieren? - Abitur 2007. Und dann? PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 17. April 2007 um 20:59 Uhr

90 Tage.

13 Jahre Schule werden dann enden. Können Sie sich noch erinnern, wie es sich so kurz vor Schluss anfühlte? 13 Jahre haben Sie Schulstühle gedrückt, viel erfahren und vergessen. Kein Gedanke an Arbeit und Einkommen; Sie hatten einen geregelten Alltag.

Ja, der geregelte Alltag: Montag. 06:30 Uhr. Mein Wecker schrillt. Zehn Sekunden später liegt er still auf dem Teppich vor meinem Bett. Verschlafen grummelnd drehe ich mich nochmal um. In knapp einer Stunde sitze ich im Deutsch- Leistungskurs, bemüht, mich trotz chronischen Schlafmangels auf Brecht und sein Theater zu konzentrieren. Während meine Lehrerin die Intentionen in „Leben des Galilei“ wiederholt, blättere ich müde ein wenig im Kalender. Eine Woche, zwei, noch ein paar. Plötzlich sind die Seiten leer. Was nun? Nein, da sind keine Ferien - da ist - nichts. Keine sichere Beschäftigung mehr, kein geregelter Alltag, kein täglicher Platz in der warmen Schule.

Ich merke, dass ich mir einige Fragen stellen muss, nicht nur wie ich die leeren Seiten füllen will. Sondern auch, was in den Kalendern der nächsten Jahre und Jahrzehnte stehen soll. Vor die Schultüren gesetzt, werde ich in der großen, weiten Welt selbst entscheiden müssen, was ich aus meinem Leben machen will.

Also will ich eine Glanzkarriere und möglichst schneller, höher, weiter hinaus? Will ich viel von der Welt sehen? Will ich eine Familie gründen? Oder sehe ich in meinem Leben einen tieferen Sinn, dem ich folgen möchte? Nach Antworten suchen auch

viele andere der 97 Abiturienten des Ludwig- Leichhardt- Gymnasiums. Neben Prüfungs-vorbereitungen, Klausuren und Tests steht seit Monaten die Frage: „Was mache ich nach dem Abi?“. So unterschiedlich die Persönlichkeiten, so unterschiedlich die Pläne und Zukunftsvorstellungen. Und bei einigen überwiegt einfach nur der Wunsch, sich erstmal

Abiturienten des LLG beim Lernen für die Prüfungen (Foto: Sara Franz)

gar keine Gedanken machen zu müssen, sondern die neue vermeintliche Freiheit zu genießen. In einer Umfrage im Abiturjahrgang des Gymnasiums gaben neun Prozent der Schüler an, nach dem Abi zunächst nur ausspannen zu wollen. Doch für die meisten steht das Schaffen einer beruflichen Grundlage im Vordergrund: Etwa 29 Prozent planen die Aufnahme eines Studiums, weitere 22 Prozent möchten eine Ausbildung beginnen. Knapp 15 Prozent zieht es nach dem Abi zunächst ins Ausland, z.B. in die USA oder nach Großbritannien, um ein Au- pair- Jahr zu machen oder zum Studieren. Nur jeweils sechs Prozent möchten zunächst Wehr- Zivil- oder einen anderen Dienst leisten.

Warum entscheiden sich die Schüler gerade so?

 Pläne der Schüler für die Zeit nach dem Abitur 2007

Im Schulgebäude herrscht Alltag. Der Duft von frischem Essen zieht durch das Haus. In der Kantine treffen sich die Schüler des Abiturjahrganges in ihren Freistunden zum Lernen, Essen und Reden. Zwischen Blöcken, Büchern und Kartoffelbrei sitzt Franziska Madajczyk in eine Aufgabe vertieft. Sie möchte ab Januar ein Au- pair- Jahr in Brisbane (Australien) machen - dort wird sie sich um Dominic und

Anabell kümmern. „Das war ein Wunsch von mir seit der siebten Klasse; ein Traum. Ich wollte woanders hin und etwas Neues kennen lernen.“, sagt sie, während sie im Wörterbuch nachschlägt. Ihr Interesse für das Land hat sich in der Schule entwickelt, durch eine Belegarbeit. „Irgendwann fing ich an, alles über Australien zu sammeln und bei mir aufzuhängen.“ Ein konkretes Berufsziel hat sie aber noch nicht. Da ist sie eine von vielen.

Vielleicht schreckt das Dickicht von unterschiedlichen Berufen und Richtungen ab - „Wofür bin ich geeignet, was macht mir Spaß, wozu bin ich berufen?“ sind Fragen im Entscheidungsdschungel. Ihn zu lichten ist nicht einfach, wie auch? In Schule und Freizeit ist anderes schließlich wichtiger. Und die Angst, sich zu verlaufen ist groß: Bloß nichts falsch

Franziska (r.) mit Mitschülern in der Kantine des LLG (Foto: Sara Franz)

machen, lieber keinen festen Berufswunsch fassen, es könnte ja sein, dass ich doch nicht so geeignet für den Beruf bin oder woanders mehr verdiene.

Franziska verlässt das Dickicht erstmal. Durch das Auslandsjahr möchte sie zunächst ihren Horizont erweitern. „Ich möchte mich weiterentwickeln“, sagt sie mit leuchtenden Augen, „und einmal raus hier. Nach Studium oder Ausbildung habe ich sicher keine Zeit mehr dafür.“

Das Ludwig - Leichhardt - Gymnasium in Ströbitz (Foto: Sara Franz)

Trotz der Möglichkeit, ein paar Monate auf sich selbst gestellt im Ausland zu sein, andere Kulturen und Lebensweisen kennen zu lernen, möchte die Mehrheit lieber erstmal in Deutschland bleiben und studieren oder eine Ausbildung beginnen, oft auch gerne in der Region. Musterbeispiel ist da Johannes Koziol, der Webmaster des Ludwig- Leichhardt-

Gymnasiums. Er hat vor fast zwei Jahren sein Abitur an der Schule gemacht und studiert nun Informatik in Cottbus im dritten Semester. Wie bei Franziska hat der Unterricht zu seinem Entschluss beigetragen. „Ich wurde durch das Fach Informatik ermutigt.“, sagt er. „Vor allem in der Oberstufe. Ein Interesse für den Umgang mit dem Computer hatte ich schon früher. Aber durch den Unterricht habe ich weniger Spiele gespielt und mich mehr mit Programmieren beschäftigt.“ Auf die Frage, warum er gerade in Cottbus studiere, antwortet er, das Studienangebot sei doch für ihn optimal und er möge die Stadt, Umfeld und die Gegend. „Solange ich weiß, wie die Welt außerhalb von Cottbus aussieht, kann ich hier gut leben.“

Erstaunlich ist, dass etwa die Hälfte der Abiturienten trotz wahrgenommener hoher Arbeitslosigkeit und hohen Anforderungen sehr optimistisch ist, den gewünschten Studien- Ausbildungs- oder späteren Arbeitsplatz zu erlangen. Weitere 34 Prozent glauben, dass dies durch weitere eigene Anstrengung und Bemühen möglich sein wird, nur 14 Prozent zweifeln daran - da stören die monatlichen Meldungen von bis zu 20 Prozent Arbeitslosigkeit in der Region nicht.

Doch die Zukunftsvorstellungen basieren bei den meisten nicht nur auf dem Wunsch nach einem ertragreichen Beruf. Denn kann viel Geld wirklich für persönliche Erfüllung sorgen?

Ähnliches sagt auch Johannes, er ist leidenschaftlicher Hobbyfotograf: „Bei aller Liebe zur Informatik: Es wäre schlimmer für mich, wenn meine Fotos wegkommen würden, als wenn mein Notebook kaputt ginge.“ Ein „ideeller Wert“ seines Tuns sei für ihn äußerst wichtig. Nicht Geldverdienen und Studieren alleine könnten dies bieten.

Auch von einer späteren Partnerschaft versprechen sich die Abiturienten Erfüllung und Sicherheit. Für drei Viertel ist sie entweder mit oder ohne Kindern wichtig oder sehr wichtig.

Es scheint, als wenn die „Zukunft“ wohl doch irgendwann mehr braucht, als Ehrgeiz und eine gute Karriere, um glücklich zu sein. 

Es sind nicht die großen Träumereien, die die Pläne des Abi- Jahrganges 2007 prägen, viel mehr ist es der Wunsch nach einem geregelten Leben.

Franziska nimmt ihren Teller und steht auf. „Ich

Schüler der 13. Klasse: Bald geht jeder seinen eigenen Weg (Foto: Sara Franz)

muss zu Mathe.“ Noch ein paar Stunden. Dann werden sich plötzlich die Schultüren ein letztes Mal hinter uns schließen und jeder wird seinen eigenen Weg gehen müssen.

 

Eine Reportage von: Lorenz von Hasseln (Klasse 13 - Jahrgang 2007)

 


Powered by: Joomla! Content © by Ludwig-Leichhardt-Gymnasium Cottbus